K5 Best Practice: Digitalisierung – Wie radimundi den Münchner Viktualienmarkt online bringt

Der Münchner Viktualienmarkt ist einer der deutschlandweit bekanntesten Traditionsmärkte. Besucher*innen sind geborene Münchner*innen, die sich im Schatten der Kastanienbäume auf ein Weißbier treffen, oder Tourist*innen, die gerade im Sommer die Münchner Lebenslust genießen wollen. Das Flair auf dem Viktualienmarkt ist einzigartig und auch das Angebot an frischem Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch und Milchprodukten ist in der bayerischen Landeshauptstadt einmalig. 

 

Traditionelle Märkte und stationäre Läden in die digitale Welt zu holen, ist für viele Händler*innen eines der größten Projekte der Gegenwart. Wir zeigen Dir anhand eines erfolgreichen Beispiels, was zu beachten ist und wie die digitale Transformation gelingen kann. Mit der Digitalisierung des wohl bekanntesten bayerischen Traditionsmarkts, dem Viktualienmarkt.

 

 

Viktualienmarkt

 

 

radimundi – die Anfänge

 

Bei radimundi (bayrisch: Radi für Rettich und Mundi für Mund) finden Endverbraucher*innen das Sortiment des Münchner Viktualienmarktes. Angefangen hat das Unternehmen in Erding, im ländlicheren Norden von München. Dort gibt es viele Bauernhöfe mit Hofläden. Der Initiator, selbst ehemaliger Landwirt, wollte auf die stetig fallenden Preise für landwirtschaftlich erzeugte Lebensmittel reagieren und den Erzeuger*innen einen Weg bieten, ihre Waren direkt an die Kund*innen zu bringen. Die Überlegungen starteten bereits 2018. Mit der technischen Umsetzung der Digitalisierung dieses Traditionsmarkts wurde im Herbst 2020 begonnen.

 

Der Viktualienmarkt kam später dazu. Im Moment sind 8 Händler*innen des bayrischen Traditionsmarktes auf der Website vertreten – mit weiteren ist das Unternehmen im Gespräch. 

 

 

Der Bedarf muss da sein

 

Mit der Gründung von radimundi wird nicht nur auf die ungerechte Bezahlung der Bauern und Bäuerinnen im Großraum München reagiert. Auch den Trends der Nachhaltigkeit und der gesunden Ernährung kommt der Onlineshop nach. Denn die Waren sind so frisch wie sie es auch an den Marktständen im Herzen Münchens sind. Darüber hinaus sind sie aus biologischem Anbau. Das Ziel von radimundi ist es, neben den Grundnahrungsmitteln vor
allem auch die Spezialitäten vom Viktualienmarkt anzubieten, die die Kund*innen im Lebensmitteleinzelhandel nicht finden. 
Dass gerade die Nachhaltigkeit und die damit verbundene Regionalität von Lebensmitteln bei den Endverbraucher*innen immer wichtiger wird, wissen die meisten Lebensmittel-E-Commerler*innen.

 

Die Marke radimundi gehört zur BayWa AG – ein solch großes Unternehmen im Rücken gibt viel Sicherheit. “Wir von radimundi sind bei der BayWa die ‘jungen Wilden’. Es fühlt sich an wie ein Start-Up. Wir probieren sehr viel aus und haben sehr viele Freiheiten. Das ist natürlich ein großer Vorteil”, sagt Andreas Alber, Marktplatz-Manager bei radimundi.

 

Digitalisierung eines Traditionsmarkts

 

Wer sind Deine Kund*innen und wie erreichst Du sie?

 

“Die Kund*innen-Akquise läuft zum Großteil über die Produktsuche”, sagt Andreas Alber. Googelt ein*e Münchner*in zum Beispiel “Lachs für Sushi”, weil es selbstgemachtes Sushi zum Abendessen geben soll, stößt er oder sie auf radimundi und ihren Partner Poseidon, einen Fischhändler. “Das bedeutet natürlich auch, dass wir eine bestimmte Zielgruppe haben, und zwar Familien mit zwei Einkommen. Wir wollen nicht billig verkaufen, sondern nachhaltig, regional und vor allem gut”, erklärt er. So soll auch eine emotionale Bindung entstehen. Außerdem werden Aktionen der Händler*innen auf Social Media beworben: “Bis jetzt sind wir auf Facebook und Instagram vertreten. Wir denken aber auch über ein B2B-Format auf LinkedIn nach”, sagt Andreas Alber. Zusätzlich werben die Händler*innen direkt an den Ständen mit Flyern für den Online-Shop oder weisen ihre Kund*innen im Beratungsgespräch einfach darauf hin.

 

Außerdem betont er, dass es ein Ziel ist, die Kund*innen und die Produkte wieder in den Fokus zu rücken: “Es ist ein Blog geplant. Dort wollen wir unseren Kund*innen dann mit Infos zur Seite stehen, indem wir Fragen beantworten wie, warum gibt es eigentlich 8 Sorten Kartoffeln„, sagt der Marktplatz-Manager.

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Wie kann Deine Idee technisch umgesetzt werden?

 

Im Backend der Website füllen die Händler*innen ihre Unterseiten selbst aus, radimundi hilft bei technischen Fragen, bei der SEO-Optimierung und bei Texten und Bildern. “Das Backend ist also ähnlich wie bei eBay”, erklärt Andreas Alber. radimundi hat jederzeit die Möglichkeit einzugreifen. Die einzelnen Sortimente werden von den Händler*innen selbst überarbeitet und regelmäßig aktualisiert. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben der Partner. Welche Produkte sie anbieten und wie ausführlich sie diese beschreiben, ist ebenfalls den Erzeuger*innen überlassen.

 

 

 

Wie sieht die Logistik aus?

 

Wenn die Seite dann online ist, kommen die Bestellungen der Kund*innen direkt bei den Erzeuger*innen rein. Diese müssen die Bestellung bis 12 Uhr des Folgetags bestätigen oder ablehnen, beziehungsweise die Bestellmenge anpassen. Danach packen die Händler*innen die Bestellungen zusammen und bringen sie zur Sammelstelle, die sich an einem Stand auf dem Viktualienmarkt befindet. “Das ist für uns natürlich ein absoluter Glücksgriff”, sagt Andreas Alber, “wir haben da jemanden, der die Bestellungen bis 16 Uhr kommissioniert – von 16 bis 20 Uhr wird dann ausgeliefert.” Die Ware wird in Kühlboxen ausgeliefert, die auch direkt wieder mit zurückgebracht werden müssen. Das bedeutet, die Kund*innen müssen ihre Bestellungen persönlich entgegennehmen. 

 

Chicos Saftbar versendet die Säfte und Smoothies in Glasflaschen – “hier arbeiten wir derzeit an einem Pfandsystem”, sagt Andreas Alber. Das ist umweltfreundlicher und bringt Radimundi erneut in Kontakt mit den Kund*innen und somit zurück in deren Erinnerung. 

 

Waren im 4-Grad-Bereich werden zusätzlich gekühlt. Eiswaren und tiefgekühlte Produkte können noch nicht geliefert werden. Aber auch dieses Problem befindet sich bereits im Lösungsprozess, so Andreas Alber.

 

 

 

Wie wird die Ware ausgeliefert?

 

Im Moment liefert Radimundi noch mit dem Auto. Das soll sich aber so bald wie möglich ändern: “Wir werden entweder auf ein E-Auto oder auf Lastenräder umsteigen. Einerseits wegen der Nachhaltigkeit, andererseits ist das Lastenfahrrad optimal für Lieferung in engen Großstädten.“ Das ist ein Aspekt, der von Anfang an bedacht werden muss, sagt Andreas Alber.

 

 

Mehr zum Thema Digitalisierung von stationären Märkten findest Du im K5 KLUB und in unseren Podcasts:

Digitaler Dialog mit Dörte - Digitalisierung eines Traditionsunternehmens

Tradition digitalisieren – geht das?

K5X Digitalisierung im Möbelhandel

Digitalisierung im Möbelhandel – Ein Panel mit mokebo und MYCS

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ChefTreff Podcast mit Eva Neugebauer von Frischepost

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Welche besonderen Hürden können Dich erwarten und wie gehst Du damit um?

 

Das wohl augenscheinlichste Hindernis für jede*n, der oder die schon mal auf dem Viktualienmarkt war, ist es, das besondere Flair einzufangen und die Beratung der Verkäufer*innen auf dem Markt zu ersetzen. Egal zu welcher Tageszeit man den Viktualienmarkt besucht, kann man die Marktbetreiber*innen mit ihren Kund*innen scherzen sehen und die so selten gewordenen verschiedenen bayerischen Dialekte hören. Zum Tagesanbruch erwecken die langjährigen Standbetreiber*innen, die das Geschäft teilweise von ihren Eltern und Großeltern übernommen haben, den Markt zum Leben. Morgens, wenn es noch etwas ruhiger ist, lohnt es sich einen Kaffee an einem der Stehtische der Kaffeerösterei zu genießen, oder einen frisch gepressten Saft an einer der Saftbars. Schon vor den Mittagsstunden füllt sich der Biergarten – Verkäufer*innen beraten ihre Kund*innen an Obst- oder Gewürzständen – immer mehr Tourist*innen strömen vom Marienplatz auf den Markt. Auf dem Viktualienmarkt haben die Menschen gute Laune, er hat etwas Verbindendes, und trotz seiner Geschäftigkeit strahlt der Markt die typisch bayerische Ruhe und Gelassenheit aus. 

 

Wie kann all das in einem Onlineshop transportiert werden? Hier soll einerseits der Blog mit Videos und Texten zum Traditionsmarkt Abhilfe schaffen. Andererseits sollen so Infos über die angebotenen Produkte geliefert werden. Andreas Alber: “Wir sehen in der Zukunft immer mehr Verschmelzung der Online- und Offlinewelt. radimundi plant deswegen regelmäßige Events am Viktualienmarkt.” So will das Unternehmen nicht nur die Produkte verkaufen, sondern auch die Menschen und das Gefühl dahinter.

 

 

Digitalisierung - Viktualienmarkt

 

Welche Ziele solltest Du setzen?

 

BayWa hat mit radimundi große Pläne. In näherer Zukunft wollen sie ihren Marktplatz bayernweit anbieten, später dann deutschlandweit. Viele Städte haben, wie München, ihre ganz eigenen Traditions- oder Wochenmärkte, die für das Modell in Frage kommen würden. Mit welchen Anbietern und in welchen Regionen das Unternehmen in Absprache ist, verraten sie noch nicht. Wir dürfen gespannt sein, wie es weitergeht. BayWa hat ein Problem erkannt und es mit einem aktuellen Anliegen vieler Online-Käufer*innen verbunden – ein potenzielles Erfolgsrezept.

 

 

 

Top 3 Tipps zur Digitalisierung eines Traditionsmarkts von Andreas Alber, Marktplatz-Manager bei radimundi:

 

  1. Viel Freiheit im Start-Up-Stil ist essenziell. Als autarke
    Geschäftseinheit eines Konzerns ist es wichtig, im Rahmen der
    Prozesse des übergeordneten Unternehmens flexibel zu bleiben.

  2. Ausprobieren! Nur wer Ideen testet, kann wissen, ob sie funktionieren.

  3. Mehr ein Gefühl als ein Tipp: Städter*innen achten mehr auf Brands und Zertifikate der Händler*innen, Menschen auf dem Land achten hingegen mehr auf Regionalität.

 

 

Von Carolin Fest

 

 

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