Tim Buchholz: Digitale Transformation beginnt beim Menschen

Tim Buchholz ist der Experte, wenn es um die digitale Transformation von Unternehmen geht. Lange hat er den OTTO Konzern als Princial Platform Business begleitet und die Unternehmenstransformation vorangetrieben. Vor Kurzem wagte Tim Buchholz den Sprung als Transformationsberater in die Selbstständigkeit. Auf der K5 X stellte er sich den Fragen der K5 Redaktion.

Wie sollte man mit einer Transformation des Unternehmens starten/ was ist der erste Schritt?

 

Das ist spannend, weil ich glaube, dass viele Unternehmen denken, es wäre sowas wie “oh hier wird vom Marktplatz gesprochen, ich baue jetzt ein Marktplatzprojekt.” Für mich ist Transformation was viel grundlegenderes: Für mich ist das Infragestellen von “was für einen Nutzwert am Markt erzeuge ich eigentlich? Wofür kommen Kunden eigentlich zu mir und wollen dafür auch Geld zahlen?” In den letzten Jahrzehnten haben wir viele tolle Geschäftsmodelle in Deutschland aufgebaut und die fangen irgendwann an zu skalieren und vergessen dabei sich zu fragen “ist das, was ich da als Wert erzeuge, überhaupt das, was noch zeitgemäß ist?” Deswegen ist für mich der Punkt einer Transformation in der Geschäftsführung – der Vorstand, also im obersten Top Management – ein Gefühl dafür zu bekommen, was denn unser zukünftiger Nutzwert ist, was erwarten Menschen heute und wie müssen wir das gestalten, dass Leute auch noch dafür zahlen wollen. Im Kern ist Transformation für mich Arbeiten am Grundverständnis der Wertschöpfung eines Unternehmens.

Was wird oft bei der Unternehmenstransformation unterschätzt?

 

Dass es nicht um Technologie geht, sondern um Menschen. Ich glaube, wir alle haben die intrinsische Motivation zu etwas beitragen zu wollen. Und wenn ich verstehe, zu was ich beitrage, kann ich auch mein Verhalten ändern in Form von “jetzt möchte ich das Neue machen”. Wenn das Neue aber nicht kommuniziert wird, dann weiß ich als Mitarbeiter aber gar nicht, was ich tun soll. Deshalb ist die gemeinsame Sprachebene “wie verstehen wir Begriffe, wie verstehen wir Marktplatz, wie verstehen wir Plattform, was meinen wir überhaupt mit unserem digitalen Geschäftsmodell und verstehen wir das auch alle gleich im Unternehmen, damit wir in die gleiche Richtung arbeiten?” Das wird maßgeblich unterschätzt. Wie der Mensch und die Kommunikation mit Menschen innerhalb eines Unternehmens funktioniert ist für mich einer der wichtigsten, aber auch einer der unterschätzten Punkte.

 

 

Was sind Deine Tipps für eine gelungene Unternehmenstransformation?

 

Punkt eins: Am Anfang ein Invest in Hirnschmalz und nicht in Technologie. Also erst die Frage “was tun wir zukünftig, was bringen wir als Nutzwert in den Markt?” Das wiederum zu validieren und das bedeutet für die Geschäftsführung, für das oberste Management, wirklich harte Arbeit. Punkt zwei: Das gemeinsame Sprachverständnis und Punkt drei: Das Enabling der Mitarbeiter. Weil die Mitarbeiter sind hier (auf der K5 Konferenz) unterwegs. Die verstehen wie Technologie funktioniert und dann werden die schon das Richtige aussuchen und das Richtige machen. Deswegen sage ich, lieber ein Invest vorne ins Verständnis als hinten in die Konfliktlösung. Der letzte Punkt: Was Kundenaktivität angeht, muss das Unternehmen als gefühlt allumfassender Problemlöser agieren. Und wenn Unternehmen stärker darüber nachdenken würden “welches im Kern wiederkehrende Konsumentenproblem löse ich?”, dann ist das ein optimaler Ausgang für die Unternehmenstransformation.

 

 

Was haben Traditionsunternehmen Startups voraus und was nicht? Bzw. umgekehrt?

 

Das ist ganz spannend. Traditionsunternehmen haben gelernt, wie man Prozesse aufbaut, wie man Technologien nutzt, um Prozesse effizient zu machen und wie man das Ganze steuern kann. Das strukturelle Skalieren können Traditionsunternehmen extrem gut. Dafür haben sie den Fokus verloren auf “wie funktioniert unser Geschäftsmodell, was ist der Nutzen?” Das aber haben Startups. Sie fragen sich “wie verdienen wir zukünftig eigentlich Geld?” Startups haben großen Unternehmen voraus, flexibler zu denken. Ihnen fehlt es aber an Prozessskalierung. Ein Unternehmen muss auch wachsen. Während gesetzte Unternehmen extrem viel Erfahrung in Effizienzgewinnung, Kostenminimierung und klugen Geldeinsatz haben. Beide Seiten haben etwas Tolles, aber beide Seiten haben auch den absoluten Pain. Den Hybrid zu schaffen, wäre optimal.

 

 

Welches Unternehmen ist Deiner Meinung nach ein Vorbild in Sachen Unternehmenstransformation?

 

Dadurch, dass selten nach außen kommuniziert wird, ob das Unternehmen verstanden hat, was der neue Nutzwert ist, kann ich gar nicht so richtig von Vorbildern sprechen. Aber es gibt so tolle Geschäftsmodelle, die gerade in den letzten Jahren, gerade im Baumarkt-Segment sowas wie Hornbach, gekommen sind. Es gibt viele tolle Unternehmen abseits der Pure-Player, die es schaffen ein traditionelles Geschäftsmodell wirklich mit einem neuen Nutzwert auszustatten. Ich würde aber sagen, dass es noch viel Luft nach oben gibt. Es gibt wenig bekannte Beispiele, dafür bestimmt viele unbekannte Beispiele.

 

Jetzt wird’s persönlich: Den sicheren Job bei OTTO für die Selbstständigkeit aufgegeben. Was war Deine Motivation?

 

Es gibt zwei Motivationen: Die Welt ist gerade im Wandel und ich habe Bock tatsächlich da beizutragen. Weil gerade zur Zeit der Krise, seh ich das als unfassbare Chance. Ist natürlich für die Selbstständigkeit am Anfang schwierig, weil Unternehmen müssen gerade auf ihre Kostenstrukturen gucken. Ich bin jemand der gerne vorne in der Transformation mit konzeptionell gestaltet. OTTO ist jetzt schon einen so weiten Weg gegangen und schon so weit in der Transformation, dass ich halt merke, dass ist nicht mehr meine Stärke, die ich da einbringen kann. Ich möchte jetzt wieder da hin, wo ich tatsächlich konzeptionell tätig werden kann.

 

 

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Tim Buchholz‘ Stimme zur K5 X:
Es ist ein Stück Familie. Aber gleichzeitig auch ein Stück viele neue Gesichter und das ist total spannend. Ich habe das Gefühl, dass nach zwei Jahren Lockdown die Leute nach Networking lechzen. Und das bedient die K5 auch sehr gut.

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