Marie-Louise Freesemann, CEO femtis: “Die größte Herausforderung ist der richtige Fokus”

femtis ist der erste Onlineshop für Periodenunterwäsche in Deutschland. Im Herbst 2018 ging er live. Die Fem Health Branche boomt wie nie zuvor. Marie-Louise Freesemann, CEO von femtis, erzählt in einem exklusiven Interview mit der K5 Redaktion über die Hintergründe und Unternehmensstrategie des D2C Shops und die Potenziale der Fem Health Branche.

 

 

 

Was war die Motivation die Geschäftsführung eines Unternehmens in der Fem Health Branche zu übernehmen?

 

Schon in meiner Rolle als Vertriebsleiterin bei Amorelie war es mir wichtig, nicht nur neue Themen aufzubauen, sondern auch gesellschaftliche Entwicklungen durch Aufklärung voran zu treiben. Im Bereich Sexualität und Love Toys wurde in den vergangenen Jahren bereits viel erreicht, aber ich musste nicht nur durch meine Arbeit bei Amorelie, sondern auch durch den Austausch mit meiner Schwester die seit vielen Jahren als Hebamme tätig ist, feststellen, dass gerade über viele Aspekte im Bereich Frauengesundheit noch viel zu wenig aufgeklärt und gesprochen wurde. Als dann mit der femtis Periodenunterwäsche die Möglichkeit kam, in die Fem Health Branche einzusteigen, musste ich nicht lange überlegen.


 

 

Welche (unerwarteten) Hürden gab es insbesondere für ein Fem Health Unternehmen wie femtis bei der Gründung und im Aufbau?

 

Die größte Herausforderung in der Gründung und jetzt in der Skalierung ist es, den richtigen Fokus für den jeweiligen Zeitpunkt zu haben, ohne die Mission aus den Augen zu verlieren. femtis steht für Aufklärung, da waren wir uns von Beginn an einig. Mit unseren Produkten und unserer Kommunikation verfolgen wir einen ganzheitlichen Anspruch rund um alle Themen der weiblichen Gesundheit zu informieren. Ein großes Ziel in dem man sich verlieren kann, wenn nicht der richtige Fokus gesetzt wird.

Wir haben bewusst mit dem Thema Periodenunterwäsche gestartet, um mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln und Ressourcen effizient zu arbeiten. Wir sind von Anfang an eigenfinanziert gewesen, um gleichzeitig eigenbestimmt zu bleiben. Das bedeutete aber auch, dass wir nicht alle Ideen auf einmal angehen konnten – auch wenn wir das gerne gewollt hätten. Die Erfahrung hat uns gezeigt wie wichtig es ist, die Organisation nicht zu überfordern, da ein Unternehmen nur so nachhaltig aufgebaut werden kann. Diese Erkenntnis war durchaus in einigen Momenten ernüchternd, insbesondere dann, wenn gute Ideen für den Moment depriorisiert werden mussten. Es erlaubt uns aber heute weitere neue Bereiche der Frauengesundheit anzugehen und aufzuklären.

 

 

 

femtis ist nach eigenen Angaben der erste Online-Shop für Periodenunterwäsche auf dem deutschsprachigen Markt (2018). Was hat sich seitdem auf dem Markt für Fem Health Unternehmen geändert?

 

Seit 2018 treiben Fem Health Unternehmen Transparenz und Aufklärung voran und das macht sich nicht nur in der Gesellschaft bemerkbar, sondern auch im Ökosystem von Fem Health Unternehmen. Durch die gesteigerte Transparenz und das wachsende Interesse in der Gesellschaft hat sich zum Beispiel die deutsche Medienlandschaft ebenfalls deutlich geöffnet und bietet so unserer Stimme viel mehr Gehör. Egal ob wir über Podcasts, Konferenzen, Online- und Offline Magazine oder TV sprechen, das Thema Frauengesundheit ist nicht mehr wegzudenken und stärkt somit zum einen das Ziel Aufklärung noch mehr in die Breite zu bringen, aber verhilft auch zu mehr Verständnis und Offenheit hinsichtlich unserer Botschaften und Produkte.

Darüber hinaus hat sich nicht nur die Anzahl der D2C Marken stetig gesteigert, die mit teils unterschiedlichen und teils gleichen Blickwinkeln den Markt bespielen, sondern es ist auch spannend zu sehen, dass ebenfalls ein Großteil der etablierten Online- und Offline Händler und Hersteller sein Produktportfolio anpasst und so auch spannende Partnerschaften vorangetrieben werden. So haben wir bei femtis beispielsweise mit Kooperationen mit Amorelie und Oceans Apart gestartet und arbeiten in der Kommunikation mit Magazinen wie familie.de und She Works! zusammen.

Spannend ist dabei auch, dass sich dieses Interesse und das damit verbundene Zukunftspotenzial auch beim Investment zeigt. Denn 2021 überstiegen die weltweiten VC-Investitionen in diesem Bereich zum ersten Mal die Marke von 1 Mrd. Dollar. (https://www.starting-up.de/geschaeftsideen/trends/femtech-report-2022.html)

 

 

 

Brands im Fem Health Sektor nehmen immer mehr zu und werden von der Nische zum Mainstream. Siehst Du das als Gewinn oder gar als Nachteil für Deine eigenen Produkte?

 

Ich sehe die wachsende Anzahl an Marken ganz klar als Gewinn für unsere Branche. Das zeigt nicht nur das unglaublich große Potenzial was somit von immer mehr Menschen gesehen wird, sondern aus meiner Sicht entwickeln viele Anbieter das Produkt und den Markt weiter und treiben Aufklärung und Kommunikation voran.

Der Markt ist riesig mit einer diversen Zielgruppe an menstruierenden Personen, die unterschiedlichste Wünsche haben. Anbieter können diese Wünsche mit verschiedensten Produkten abdecken, sich dabei gegenseitig in Qualität und Innovationsgrad anspornen und dabei immer mehr über die Kategorie aufklären und begeistern. Viele Produkte wurden in der Vergangenheit einfach unisex bzw. nur für den Mann entsprechend entwickelt und getestet und insbesondere dort muss Aufklärung auch ansetzen.

 

Davon profitieren am Ende nicht nur die Unternehmen, die auf eine langfristige Präsenz im Markt hinarbeiten, sondern vor allem unsere Kundinnen und die Gesellschaft. 

 

 

Welche Marketing-Strategien nutzt femtis, um ihre Kund*innen zu erreichen?

 

Wir verfolgen ein ganzheitliches Multi-Kanal Marketingkonzept und untersuchen ganz genau in welchem Kanal wir dabei welche Kundin antreffen, mit welchen Inhalten wir diese erreichen und welche Frequenz dafür passend ist. Dafür haben wir interne Expertinnen, die sich dediziert speziellen Kanälen in Konzeption und Inhalt widmen.

Kern ist es dabei jedoch stets eine zweiseitige Kommunikation aufzubauen, d.h. wir versuchen nicht nur Inhalte zu vermitteln, sondern bewusst in den Austausch mit unseren Kundinnen zu gehen, Feedback zu erhalten und so stetig unsere Inhalte zu verbessern. Dabei haben wir Kanäle, wie Google, die wir von Anfang an dediziert aufgebaut und entwickelt haben, andere Kanäle wie beispielsweise TikTok haben wir erst kürzlich gestartet und sind hier noch viel stärker in einer Phase des Ausprobierens und Testens.

Ein Kernbestandteil unserer Marketingstrategie basiert dabei auf den Werten Authentizität und Vertrauen, was wir unter anderem dadurch stärken, indem wir gezielt mit Expertinnen aus den Bereichen Gynäkologie, Hebammenwissenschaft und Psychologie zusammen arbeiten. So entwickeln wir gemeinsam relevante Inhalte, gestartet im Marketing bis hin zur Produktentwicklung.

 

 

Anders als andere Fem Health Unternehmen, bedient sich Femtis für Marketingzwecke nicht dem Feminismus. Ist das Zufall oder eine bewusste Entscheidung? 

 

Feminismus spielt auch bei femtis ein wichtiger Faktor, denn gehen wir auf die ursprüngliche Bedeutung zurück, dann spielen insbesondere Aufklärung, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung eine große Rolle, ohne zwangsläufig provokativ oder laut zu sein. Feminismus und seine Grundwerte werden bei femtis gelebt und sind stark verankert, werden aber nicht vermarktet.

 

 

 

Habt Ihr vor, auch in den stationären Vertrieb zu gehen? Warum oder warum nicht?

 

Seit 2018 haben wir unseren Vertrieb auf D2C fokussiert, um so den Grundstein unseres Unternehmens zu legen, zu lernen und unsere Kundinnen bestmöglich kennenzulernen. Um unsere Produkte jedoch weiter zu demokratisieren und noch mehr Kundinnen zu erreichen, werden wir zukünftig mit strategischen Partnern zusammenarbeiten, sowohl online als auch offline.

Dabei ist es uns wichtig, nicht einfach unser bestehendes Produktsortiment an weiteren Türen zu spiegeln, sondern gemeinsam mit Partnern ein Sortiment samt Marketingstrategie zu erarbeiten, die auf die entsprechende Kundin zugeschnitten ist. Um diese Multi-Kanal Strategie über B2C und B2B erfolgreich aufzusetzen und zu entwickeln, wird unser Augenmerk stets darauf liegen hinsichtlich Marke und Kommunikation ein einheitliches Einkaufserlebnis sicher zu stellen. Eine Herausforderung, der wir uns gerne annehmen werden.

 

 

 

Wo wird Euer Sortiment produziert? 

 

Unser Sortiment wird in Asien und Portugal produziert. Dabei legen wir starken Wert darauf mit Frauen geführten Produktionen zusammen zu arbeiten, die die gleichen Standards und Werte für ihre Mitarbeiter teilen wie wir und entsprechende Zertifizierungen (z.B. amfori) mitbringen. 

 

 

 

Ihr bietet eine “Gleicher-Tag-Versand-Garantie” an. Wie könnt Ihr diese umsetzen? Wie ist Eure Logistik aufgestellt?

 

Schnelle Lieferzeiten von 1-3 Tagen und hohe Versandstandards fordern der Logistikbranche heute viel ab. Unternehmen müssen dabei besonders sorgfältig mit der Partnerwahl sein. Um das außerhalb von amazon auch mit höchsten Standards erfüllen zu können, haben wir genau evaluiert, welche potentiellen Logistikpartner dies verlässlich umsetzen können und uns entsprechend entschieden. Dabei setzen wir auf eine enge partnerschaftliche Zusammenarbeit in der wir Planungen gemeinsam aufsetzen, offen über Kundenfeedback sprechen, Verbesserungspotenziale erarbeiten und zusammen neue Partnerschaften in Projektform umsetzen.

 

 

 

 

 

Du hast das erste FEMALE in RETAIL Forum auf der vergangenen K5 X verpasst und möchtest noch mehr über den Markt für frauenzentrierte Produkte und deren Potenziale erfahren? Dann ist die Panel-Diskussion mit Angelica Conraths von fembites, Carina Heidi Hader von cebeha2, Leonie Moos von GRACE und Vivien Karl genau das Richtige für Dich! Melde Dich jetzt im K5 KLUB an und erhalte Zugriff auf exklusive Inhalte.

Panel K5 X Frauenprodukte

Tabus brechen – damit kennen sich unsere Panelistinnen aus. Von Periode bis Perimenopause und weiteren bisher nur selten offen diskutierten Themen, sprechen wir in dieser Panel Diskussion mit Gründerinnen, die sich täglich diesen Tabus stellen und spannende Produkte entwickelt haben. Wie schaffen sie es, female centric products auf dem Markt zu positionieren? Welche Herausforderungen und Learnings gab es auf ihrem Weg? Wie sieht eine Welt ohne Tabus aus?

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